Die Zahl der Attacken hat sich seit 1999 halbiert. FU-Tierärztin Franziska Kuhne: „Hundehalter achten besser auf ihre Lieblinge.“
Berlins Hunde sind braver und viele Hundehalter offenbar verantwortungsbewusster geworden. Das lässt sich aus der jüngsten Biss-Statistik schließen. So hat sich die Zahl der Hunde-Attacken auf Menschen in den vergangenen fünf Jahren in der Stadt um fast die Hälfte halbiert. Im Jahre 1999 wurden den Veterinärämtern noch 1816 Fälle gemeldet, bei denen ein Hund zubiss oder einen Menschen aggressiv ansprang. Danach gingen die Fälle kontinuierlich zurück: 2004 gab es nach den Unterlagen der Behörden nur noch 976 Angriffe.
Was ist der Grund für diese erfreuliche Entwicklung? Wirken sich die verschärften Sanktionen für Kampfhunde positiv aus? Franziska Kuhne, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Institutes für Tierschutz und Tierverhalten an der Freien Universität Berlin (FU) glaubt dies nicht. Die Berliner Kampfhunde-Verordnung und das im September 2004 erlassene Hundegesetz des Landes haben nach Einschätzung der Tierärztin weniger zum Rückgang der Beißvorfälle beigetragen. Denn die als gefährlich gelisteten und mit Maulkorbzwang belegten Kampfhunde waren an lediglich 3,4 Prozent aller Zwischenfälle beteiligt“, sagt sie. Die in Berlin als nicht gefährlich eingestuften Schäferhunde und Rottweiler sowie viele Mischlinge seien im Jahr 2003 im Verhältnis genauso auffällig gewesen wie Pitbull und American Staffordshire Terrier. „Während es jedoch rund 10 000 Schäferhunde und etwa 4000 Rottweiler gibt, sind es bei manchen der als gefährlich gelisteten Rassen gerade mal 30 bis 40 Tiere“.
Hauptgrund für den Rückgang ist laut Franziska Kuhne vielmehr „die erhöhte Wachsamkeit der Hundehalter, seitdem der sechsjährige Volkan am 26. Juni 2000 auf einem Schulhof in Hamburg-Wilhelmsburg von zwei Kampfhunden getötet wurde.“ Dieser Schock sitze tief und habe offenbar etliche Hundefreunde veranlasst, sich intensiver mit den Verhaltensweisen ihres Lieblings auseinanderzusetzen und besser auf ihr Tier Acht zu geben.
Bemerkenswert ist der Rückgang auch, weil in den vergangenen Jahren zugleich die Bereitschaft stieg, einen Hundeangriff anzuzeigen. „Die Menschen sind aufmerksamer geworden, die Dunkelziffer hat sich vermutlich verringert“, heißt es in der Seantsgesundheitsverwaltung. Dennoch werden laut FU-Mitarbeiterin Franziska Kuhne noch immer rund 70 Prozent aller Bisse nicht angezeigt. Ob eine Rasse generell gefährlich ist oder nicht, lässt sich aus ihrer Sicht sich nicht festlegen. „Es ist eine Frage des Halters und der Sozialisation“, sagte die Tierärztin. In Berlin besuchten zum Beispiel auch Bullterrier und Pitbull Terrier als Therapiehunde Alten- und Pflegeheime.
Ein guter Ansatz, Beißvorfälle weiter zu reduzieren, ist laut Kuhne die Förderung der Sachkunde bei den Hundehaltern. Ein entsprechendes Engagement der Besitzer könnte etwa mit einer Hundesteuerermäßigung honoriert werden. Darüber hinaus sei eine genauere Erfassung der Zwischenfälle nötig. „Bislang wird aus der Statistik meist nicht klar, wie es zu dem jeweiligen Beißvorfall gekommen ist.“ ddp/cs